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Ärzte können „Zeitbombe“ entschärfen

HIRNANEURYSMA Gefäß-Aussackungen bergen große Gefahren. Neuroradiologen nutzen minimal-invasive Techniken, um Notfälle zu verhindern.

Ärzte können „Zeitbombe“ entschärfen

Neuroradiologe Dr. Steffen Reißberg betrachtet am Monitor Blutgefäße in 3-D-Darstellung, die ein CT-Angiographiegerät liefert.

VON CORNELIA LANGBECKER NEUBRANDENBURG. „Wir ändern unser Programm. Wir haben einen Notfall“, sagt Neuroradiologe Dr. Steffen Reißberg mit ruhiger Stimme. Die Patientin, 72, liegt bereits im Behandlungsraum in der Klinik für Radiologie und Neuroradiologie. Bewusstlos war sie in ihrer Wohnung gefunden und ins Neubrandenburger Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum eingeliefert worden. Ärzte diagnostizierten eine Hirnblutung, eine besondere Form des Schlaganfalls. Schnelles Handeln ist erforderlich.

Oberarzt Dr. Steffen Reißberg schaut am Lichtkasten auf die Bilder der Computertomographie. Sie lassen die krankhafte Aussackung eines Blutgefäßes im Gehirn erkennen, ein Aneurysma, das gerissen ist. „Eine ausgedehnte Blutung in den Subarachnoidalraum war die Folge“, sagt er. Neurochirurgen haben zur Druckentlastung bereits eine Ventrikeldrainage gelegt, damit das Hirnwasser ablaufen kann.

„Die Gefahr einer erneuten Blutung ist jetzt extrem hoch“, sagt Steffen Reißberg und eilt zur Patientin.

Hirnaneurysmen, deren Ursache wahrscheinlich eine angeborene Schwäche der Zellen der Gefäßinnenwand ist, sind gar nicht so selten. Etwa zwei Prozent der erwachsenen Deutschen leben nach Schätzungen mit so einer mehr oder weniger gefährlichen Aussackung der Hirnarterien, die zur „tickenden Zeitbombe“ werden kann. Denn unter bestimmten Umständen, wie längerem Bluthochdruck, kann das Aneurysma größer werden. Wie ein Wasserballon, der sich immer weiter füllt und dessen Wand dünner wird, bis er letztlich platzt.

Reißt ein Aneurysma, macht sich dies in plötzlich extrem starken Kopfschmerzen bemerkbar. Wenn das passiert, zählt jede Sekunde. Jeder zweite Betroffene stirbt. „Wer überlebt, leidet oft an neurologischen Ausfällen wie Halbseitenlähmungen und Sprachstörungen“, sagt der Arzt.

Neurochirurgen können das Aneurysma mit einer MiniTitanklammer vom Blutkreislauf abklemmen (Clipping) und so die Blutung stoppen oder vorsorglich ein Platzen verhindern. Dazu öffnet der Operateur den Schädel und muss sich bis zum Aneurysma einen Weg bahnen,mit entsprechenden Risiken und Nebenwirkungen.

„In diesem Fall sind die Bedingungen für eine Operation allerdings nicht günstig“, erläutert Steffen Reißberg. „Das Aneurysma sitzt tief im Gehirn, ein langerWeg für die OP-Instrumente.“ Erschwerend für eine klassische Operation sei auch die Schwellung, hervorgerufen durch die Blutung. Neurochirurgen und Radiologen haben darum gemeinsam entschieden, dass die 72-Jährige endovaskulär, also auf dem Gefäßweg behandelt wird.

Seit 1991 gibt es alternativ zur Operation das so genannte Coiling (coil, englisch für Spule, Knäuel), ein minimal-invasives Verfahren. Das Neubrandenburger Klinikum gehörte 1995 zu den ersten deutschen Krankenhäusern, die diese Methode ins Behandlungsprogramm aufnahmen. Das Coiling ist Aufgabe der Neuroradiologen, die dabei auch auf High-Tech setzen.

Um die Patientin rotiert inzwischen eine moderne Angiographieanlage in Formeines C. „Röntgenaugen“ durchleuchten das Innere der Patientin auf dem Behandlungstisch. Auf den Monitoren darüber sehen Oberarzt Reißberg und sein Team die vom Computer berechneten, präzisen 3-D-Aufnahmen von den Blutgefäßen, die das Gehirn versorgen. Auch das Aneurysma – etwa acht Millimeter groß und gezipfelt – können sie mit dieser modernen Technik von allen Seiten betrachten.

Über einen kleinen Schnitt in der Leiste hat der Neuroradiologe bereits einen Mikrokatheter eingeführt und sich bis ins Hirngefäß „vorgetastet“. Stets mit Blick auf den Monitor. Auch die Coiling-Technik ist nicht frei von Risiken. Trifft der Arzt mit dem Katheter die papierdünne Aneurysmawand, kann sie reißen.

Doch die Katheterspitze dringt problemlos ins Aneurysma und füllt die Ausbuchtung nach und nach mit haarfeinen Platinspiralen, den Coils. Diese sind „vorgeformt“. Und wie die Haarsträhne bei einer Dauerwelle, die man geradegezogen hat, knäuelt sich auch der Draht automatisch wieder, sobald er aus dem Katheter ins Aneurysma gedrückt wird.

Insgesamt neun unterschiedliche Coils füllen nach dem gut zweistündigen Eingriff das Aneurysma der Patientin und verschließen es. Das Blut kann nicht mehr einströmen. Die Gefahr einer erneuten Ruptur und einer Blutung ist gebannt.

Auf der Intensivstation wird die Patientin nun weiter versorgt. Über ihre Chancen vermag allerdings noch niemand etwas zu sagen.

„Vielen Patienten könnte besser geholfen werden, wenn sie vorbeugend zur Behandlung kämen“, sagt Neuroradiologe Reißberg. Denn mit Hilfe der Coils, einer Operation oder beider Methoden zusammen lasse sich die „tickende Zeitbombe“ im Kopf entschärfen, so dass es gar nicht erst zum lebensbedrohlichen Notfall kommt. Vorausgesetzt, die Gefäßveränderung wird rechtzeitig diagnostiziert.

Doch durch die zunehmende Anwendung von Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) werden heute immer öfter Aneurysmen als „Zufallsbefund“ entdeckt. „Betroffenen wird dann aber manchmal empfohlen, abzuwarten. Das halte ich für falsch“, sagt Steffen Reißberg. Es sei ein Trugschluss zu glauben, ein nur wenige Millimeter kleines Aneurysma werde schon nicht reißen. „Niemand kann richtig voraussagen, ob und wann es bluten wird“, meint der Arzt. Auf jeden Fall, so Dr. Steffen Reißberg, sollten eine Vorstellung bei einem Neuroradiologen oder Neurochirurgen und eine Angiographie erfolgen.MRT und CT allein würden zur Abklärung nicht ausreichen. „Ein Aneurysma ist eine Schwachstelle im Gefäßsystem“, sagt der Arzt. Die Folgen seien viel zu schwerwiegend, um es nicht ernst zu nehmen.

Neuroradiologe Dr. Steffen Reißberg betrachtet am Monitor Blutgefäße in 3-D-Darstellung, die ein CT-Angiographiegerät liefert.

FOTO: ANETT SEIDEL

Stand 21.07.2009 Quell; NK090713