COVID-19: Mit Erfahrung gegen das Virus

Interview mit dem Chefarzt der Anästhesiologie und Intensivmedizin zur Behandlung von Corona-Patienten am Klinikum

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie haben Mediziner und Pflegekräfte im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum umfangreiche Erfahrungen in der Therapie von Corona-Patienten gesammelt. Bis Ende Januar 2021 wurden insgesamt 414 Patienten mit COVID-19 stationär im Klinikum behandelt, mehr als 90 Prozent von ihnen kamen mit der zweiten Welle ab Mitte Oktober 2020. 80 Corona-Patienten mit besonders schweren Verläufen benötigten in dem Zeitraum eine intensivmedizinische Behandlung, etwa 50 von ihnen mussten beatmet werden. Überwiegend sind alte, gebrechliche Menschen von schweren Verläufen betroffen, aber es gibt auch zunehmend Ausnahmen, wie Dr. med. Knut Mauermann, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, weiß.

Mussten auf der Corona-Intensivstation auch schon jüngere Menschen mit schweren Verläufen behandelt werden?

Das ist die Ausnahme, kommt aber zunehmend vor. Der jüngste Patient war 37 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt allerdings bei 76 Jahren, der älteste Patient war 93 Jahre alt. Die meisten COVID-19-Patienten auf der Intensivstation sind in betagtem Alter, kommen zum Teil aus Pflegeeinrichtungen, haben Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Adipositas, Diabetes mellitus oder leiden an einer koronaren Herzerkrankung.

Das bedeutet auch, dass manche Patienten nicht nur an den Folgen der Corona-Erkrankung leiden.

Das ist richtig, mitunter sind Patienten mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert, aber eine andere akute Erkrankung ist ausschlaggebend für ihren kritischen Zustand. Die Mehrheit jedoch muss wegen Lungenversagens durch die Viruserkrankung intensivmedizinisch behandelt werden. Die meisten Patienten haben Luftnot, einen sehr niedrigen Sauerstoffgehalt im Blut, oft auch weitere andere Organfunktionsstörungen und zum Teil hohes Fieber, wenn die durch die Viruserkrankung geschädigte Lunge zusätzlich durch eine bakterielle Superinfektion belastet wird.

Seit Beginn der Pandemie hat man immer wieder neue Erkenntnisse für die Therapie gewonnen. Nach wie vor bewährt sich auf Ihrer Corona-Intensiv­station aber ein seit dem Frühjahr 2020 geltender Standard.

Ja, wir haben ein standardisiertes Behandlungsschema, welches wir immer wieder aktualisieren, unter anderem mit Aussagen zur Diagnostik und Therapie, inklusive Beatmung und Lagerungstherapie. Hierbei handelt es sich um ein Grundgerüst, welches in Abhängigkeit vom klinischen Verlauf der Erkrankung für jeden Patienten zusätzlich individualisiert wird. So ein Standard ist wichtig, denn wenn man therapeutische Ansatzpunkte verändert, möchte man auch beobachten, inwieweit sich dadurch Behandlungsergebnisse beeinflussen lassen.

Gehört der Einsatz antiviraler Wirkstoffe wie Remdesivir zum Standard dazu?

Nein, routinemäßig nicht. Remdesivir kann in der frühen Phase hilfreich sein, aber wir sehen die Patienten eher in der späteren Phase der Erkrankung. Wir haben das Mittel nur in wenigen Fällen angewandt, sodass wir keine generelle Aussage zur Wirksamkeit treffen können. Wir geben Patienten, bei denen eine Beatmung erforderlich ist, Dexamethason, dies ist ein antientzündlich wirkendes Kortikosteroid. Eine britische Studie hat gezeigt, dass es die Sterblichkeit bei beatmungspflichtigen Patienten um ca. 40 % reduziert. Seit es die ersten Hinweise aus England gab, wenden wir das Medikament bereits an. Im Übrigen gehört auch die Behandlung mit Antikörpern in die frühe Phase der COVID-19-Erkrankung.

Trotzdem sterben viele Corona-Patienten auf der Intensivstation.

Ja, die Mortalität ist hoch. Circa 40 Prozent unserer intensivpflichtigen COVID-19-Patien­ten sterben auf der Intensivstation oder nach Verlegung auf die Normalstation im weiteren Verlauf. Allerdings sind auch zahlreiche Patienten unter den Verstorbenen, die aufgrund eines erfüllten Lebens, ihres hohen Lebensalters oder ihrer schwerwiegenden vorbestehenden gesundheitlichen Einschränkungen eine sogenannte invasive Beatmung oder andere erforderliche Therapien ablehnen. In der Mehrheit haben die Patienten mit töd­lichem Verlauf ein sehr hohes Durchschnittsalter, aber nicht nur! Die Patienten, die das Lungenversagen überlebt haben, wurden regelmäßig in Bauchlage gebracht, länger beatmet – im Durchschnitt pro Fall etwa 200 Stunden - und mussten teilweise auch mit einem Luftröhrenschnitt versehen werden. Insgesamt dauert der Genesungsprozess mehrere Wochen.

Ist es der Regelfall, dass Corona-Patienten mehrere Wochen auf der Intensivstation liegen?

Die durchschnittliche Verweildauer betrug bis Ende Januar etwa 17 Tage. Einige Patienten müssen deutlich länger intensivtherapeutisch behandelt werden, andere können dank der Besserung ihres Zustandes relativ schnell auf die Corona-Normalstation verlegt werden. Leider gibt es auch immer wieder sehr schwer erkrankte Patienten, die bereits nach kurzer Zeit versterben.

Aus Ihren Erfahrungen als Intensivmediziner fordern Sie Menschen immer wieder auf, den eigenen Willen in Vorsorgevollmacht oder Patientenverfügung deutlich zu machen. Das hat mit Corona sicherlich zusätzlich an Bedeutung gewonnen.

Es kann jeden treffen, deshalb ist es wichtig vorzusorgen, sobald man volljährig ist. Ich sage immer wieder: Benennen Sie einen Bevollmächtigten, der Ihre Interessen vertritt, besprechen Sie, was Ihnen wirklich wichtig ist, insbesondere wenn Sie schwer erkranken! Machen Sie sich Gedanken – damit Angehörige mit solchen Entscheidungen nicht allein gelassen und überfordert werden!

Wie ist die Versorgung der Corona-Patienten grundsätzlich im Haus geregelt?

Wir haben den peripheren Isolierbereich, der getrennt ist in einen Bereich für Patienten mit Verdacht auf eine SARS-CoV-2-Infektion und einen für Patienten mit positivem Testergebnis. Die Patienten, deren Zustand sich dort stark verschlechtert, oder die schon in einem sehr schlechtem gesundheitlichen Zustand ins Krankenhaus eingeliefert werden, kommen auf die Intensivstation, die in 3 Bereiche gegliedert ist: einen für Akutpatienten, die negativ getestet sind und auch keine entsprechenden Symptome haben, einen für Corona-Verdachtspatienten und Kontaktpersonen sowie einen für positiv getestete Intensivpatienten.

2021 hat so begonnen, wie 2020 endete: mit einer großen Zahl von COVID-19-Patienten im Klinikum. Erst seit Ende Januar gehen die Gesamtzahlen leicht zurück. Ist das Grund für Optimismus?

Die Krise ist noch lange nicht vorbei. Es gibt noch viele nicht oder nur unzureichend beantwortete Fragestellungen. Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Wirksamkeit und die Wirkdauer des Impfschutzes insbesondere unter dem Aspekt, dass das SARS-CoV-2-Virus immer wieder Mutationen hervorbringen wird. Wir wissen nicht, wie lange wir uns noch auf eine Situation einstellen müssen, wie wir sie heute haben. Deshalb benötigen wir dringend ein zukunftsweisendes Konzept für den alltäglichen Umgang mit dieser Infektionserkrankung und die Integration in die allgemeinen Abläufe der Gesellschaft (Kinderbetreuung, Schule und Studium, Beruf und Gesundheitsfürsorge etc.) – bestehend aus Abstand, Hygieneregeln, Immunisierung und Verlaufskontrolle.

Chefarzt Dr. med. Knut Mauermann startet mit zwei Kolleginnen zur Visite auf der Corona-Intensivstation.